Dienstag, 24 Mai, 2022

Eine Fährstation mit bewegter Geschichte

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Rheinfeld. Seit 100 Jahren gehört die „Piwipp“ zu Dormagen. Ihre Geschichte geht aber weit länger zurück, bis in die Zeit des Treidelns auf dem Rhein. Ein Blick in die Geschichte.

Wer heute zur „Piwipp“ geht, möchte meist das beliebte „Landgastaus Piwipp“ besuchen und sich bei Sonnenschein am Rheinufer auf der Terrasse verwöhnen lassen. Oder das Fährboot „Piwipper Böötchen“ benutzen, um damit zur anderen Rheinseite, nach Monheim, gefahren zu werden. Kaum einer denkt dabei daran, dass diese „Piwipp“ früher etwas gänzlich anderes war als eine Gastronomie, nämlich eine besonders wichtige Einrichtung am Rheinufer, die viele Wandlungen durchgemacht hat. Ein „Landgasthaus“ wurde sie erst 1889. Den Gasthof betrieb Fährmann Franz Dormann, der zur Kundenwerbung sogar eine Postkarte malen und herstellen ließ. Sie dokumentiert die bereits zur Jahrhundertwende bestehende Bedeutung der Piwipp als Ausflugsort.

Von Beginn an war die Piwipp zwar eine „Fährstation“, hatte aber gleichzeitig zusätzliche, und für die Schifffahrt wichtige, Funktionen. So war sie eine Treidelstation, in der die Pferde, die Schiffe rheinaufwärts zogen, sich ausruhen konnten; ebenso wie die Knechte, die diese Pferde führten und die Boote und Schalden vor Schäden sicherten. 1889, in der Zeit der Dampfschifffahrt, wurde die Fährstation Piwipp zur Schiffahrtsmeldestelle und Orderstation. In der Piwipp wurden nun alle berg- und talfahrenden Schiffe mit ihren Namen registriert und per Telefon den Reedereien gemeldet. Nachrichten, die von den Familien, den Häfen oder den Reedereien für die Schiffsbesatzung gemeldet wurden, gab der Fährmann – sobald das entsprechende Schiff zu sehen war – per Hand-Signal oder Megafon, und manchmal auch mit Hilfe des Fährbootes, schriftlich rüber. Manchmal wussten Familien und Reedereien tagelang nicht, wo sich die Schiffe befanden.

Die Geschichte des Piwipper Fährbetriebes begann vor genau 765 Jahren. Damals, im Jahre 1257, ging es nicht um Touristen oder Ausflügler, die an Wochenenden die Gastronomie auf der jeweils anderen Rheinseite besuchen und dabei das Abenteuer einer Überfahrt auf schwankenden Brettern genießen wollten. Fast ausschließlich ging es um den Handel, um den möglichst schnellen Austausch von Waren, um landwirtschaftliche Produkte aus dem linksrheinischen und handwerkliche oder auch künstlerische Werke aus dem Bergischen Hinterland als Tausch-Objekte. Die Fährstation „Piwipp“ hieß damals noch „ahm Wittenberg aufem Cöllnischen“ und war im Besitz Kölner Herren und Kölner Klöster. Bis 1801 war sie zuletzt im Kur-Kölnischen Herrschaftsbereich und bis 1922 gehörte sie zur „Landgemeinde Worringen“.

Am 22. März 1922, also vor genau 100 Jahren, beschloss der Preußische Landtag ein Gesetz, mit dem die Landgemeinde Worringen von der Stadtgemeinde Köln einverleibt wurde. Als Folge wurde unter anderem festgelegt, dass die – im Gesetz nicht namentlich aufgeführte – Piwipp ab dem 1. April 1922 nicht mehr zu „Worringen“, sondern zum „Landkreis Neuß“ und somit zu Dormagen gehören sollte. Diese „Einverleibung“, betraf noch einige andere Landes-Teile in der Nähe von Worringen. So wurde etwa auch der Blechhof, das sogenannte „Delhover Blechs“, nach Hackenbroich verschoben. Die Verschiebung der Zuständigkeit für die Piwipp von Worringen nach Dormagen, vor genau 100 Jahren, war ein Meilenstein.

Eine Folge der veränderten Zuständigkeiten, war die Übernahme der Piwipp durch die Familie Siepen, die noch im Jahr 1922 das „Ruder“ übernahm. Wilhelm Siepen kaufte mit dieser historischen Fährverbindung eine florierende Anlage für seine Familie und nahm zunächst den Fährbetrieb mit einer alten „Schalde“, die im 1. Weltkrieg beschädigt worden war, auf.

Sicher ahnte er nicht, dass auch 100 Jahre später die Familie Siepen die Piwipp noch besitzen würde. Bereits 1925 begann die Zeit des motorisierten Fährbetriebes mit dem Piwipper Fähr-Motorboot „Gunda“. Nach der Zerstörung der Piwipp und des Bootes im Zweiten Weltkrieg, schaffte Wilhelm Siepen in den Fünfzigern mit großem Einsatz den Wiederaufbau. Mit 77 Jahren, nach 45 Jahren Fährmannszeit, übergab Wilhelm Siepen die Fähre 1968 an seinen Sohn Willi. In den siebziger Jahren wurde es aus wirtschaftlichen Gründen eng für den Fährbetrieb. Frachten brachte man mit dem Lkw über die nun verfügbaren Brücken. Auch der Ausflugsbetrieb ließ zu wünschen übrig. Der damalige Stadtdirektor, Paul Wierich, setzte alles daran, den Betrieb aufrecht zu halten. Ihm ging es dabei um die Verbindung der Monheimer und Dormagener, die nach dem Wegfall der Fährverbindung wie „ein zerschnittenes Tuch“ anzusehen sei.

Im Ladgasthaus Piwipp kann man sich stärken und die Sonne auf der Terrasse genießen. Foto: Georg Salzburg (salz)
Im Ladgasthaus Piwipp kann man sich stärken und die Sonne auf der Terrasse genießen. Foto: Georg Salzburg (salz)

Und da fiel ihm Folgendes ein: Im Mittelalter gab es doch einen Stammgast auf der Fähre, den „Spielmann“. Der traf stets pünktlich zur Monheimer Kirmes ein und spielte dort mit seiner Fidel zum Tanz auf. Dieser Spielmann beherrschte die Fidel wie kein anderer. Er kam aus dem Raum Dormagen, aber niemand wusste, woher er genau stammte. Die Monheimer liebten ihn und diesen Brauch, zeigte er doch die Verbindung dieser beiden rheinischen Dörfer. Im Schankraum des Gasthofs kann man sein Bild noch bewundern. Der Brauch schlief wieder ein, wurde aber nie vergessen. Zum Karnevalsauftakt Im November 1977 machten die Monheimer und Dormagener den Versuch, die Städtefreundschaft wieder zu erwecken. Als besonderes Zeichen brachte der Piwipper Willi Siepen, den „Spielmann“ ans andere Ufer. Der Spielmann war historisch passend kostümiert und konnte sogar die Fidel spielen. Er wurde vom Dormagener Bürgermeisters Dr. Gustav Geldmacher und vom BSV-Chefs Heinz Krosch begleitet. So also fuhr, wie in alter Zeit, der Spielmann über den Rhein und wurde am anderen Ufer von der historischen Monheimer Wappenfigur, der „Gänseliesel“ empfangen.

Der Fährbetrieb konnte trotzdem nicht aufrecht erhalten werden. Kathi, die Tochter von Willi Siepen, hatte zeitweise das Ruder übernommen. Nur noch an den Wochenenden fuhr das Fährboot bis Betrieb vollständig eingestellt wurde. 1990, mit 67 Jahren, starb der letzte Fährmann, Willi Siepen. Seit dieser Zeit ist die Piwipp – nun ein „Landgasthof“ – ein beliebtes und gerne besuchtes Ausflugsziel. Das „Piwipper Böötchen“, die neue Fähre, ist nun die nächste Fährboot-Variante. Vielleicht gelingt es damit auf Dauer, diese „Mauer aus Wasser“, die Kulturen und Menschen, die Dormagen und Monheim, trennt, endgültig zu überwinden.

Quelle: NGZ

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